Handwerk und Gewerbe | Ländliches Gewerbe
Ländliches Gewerbe

Die ursprüngliche Idee, alle ländlichen Gewerbe in einer eigenen Baugruppe zusammenzufassen, wurde zugunsten einer dezentralisierten Darstellung aufgegeben. Gewerbebauten, Werkstätten und Handwerksdemonstrationen sind heute über das gesamte Gelände des Freilichtmuseums verteilt. So findet sich z.B. das wassergetriebene Gewerbe beim Mühleweiher in der Baugruppe 6 (Nr. 691, 692, 694), und in der Baugruppe 10 kann man beim Schmieden und Töpfern zuschauen (Nr. 1051, 1052). In der Baugruppe 4 werden die Handwerke der Holzverarbeitung im Wald gezeigt. Eine Übersicht über die im Museum vorgeführten Handwerke ist bei den Anschlägen am Eingang zu finden.

490 Brandboden:
• Köhlern
• Kalkbrennen
• Harzbrennen
• Schindeln

Wald und Holz
In der Geländekammer «Ländliches Gewerbe» gelangen verschiedene Methoden der Holznutzung früherer Zeiten zur Darstellung. Nicht historische Gebäude finden hier Aufnahme, sondern alte Techniken und (z.T. rekonstruierte) Einrichtungen.

Holz war in der vorindustriellen Zeit der Rohstoff schlechthin. Der Bedarf an Holz war oftmals so gross, dass Gesetze und Verordnungen zum Schutz des Waldbestandes erlassen werden mussten. Im Haus diente Brennholz vor allem zum Kochen und zum Heizen. Als Bauholz, Schindeln, Wandverkleidungen, Möbel und Innenausstattung war es praktisch überall am und im Haus anzutreffen. Im Gewerbe war Holz während mehrerer Jahrhunderte als Energiequelle unabdingbar: zur Herstellung von Holzkohle (Köhlern), von Kalk und Harz. Und schliesslich verschlang auch in der Landwirtschaft die Produktion von Zäunen, Wagen und Geräten grosse Mengen an Holz. Kam hinzu, dass der Wald dem Vieh jahrhundertelang als Futterquelle dienen musste.
Als dann gleichzeitig mit dem Bevölkerungsanstieg energiefressende Industriezweige wie Glas- und Eisenproduktion hinzukamen, wurden ganze Alpentäler abgeholzt. Erosion und Überschwemmungen waren die Folgen dieses Raubbaus an der Natur. Erst die gezielte Wiederaufforstung und das Aufkommen alternativer Rohstoffe führten zu einer nachhaltigen Erholung des Waldbestandes.
In den oberen zwei Geschossen des Hauses von Sachseln OW (Nr. 711) bietet die Ausstellung «Der Wald – unsere Welt» weitere Einblicke in die enge, manchmal zwiespältige Beziehung zwischen Mensch und Wald. Der Rundgang «Waldweide und Holzhieb», der an der Kasse erhältlich ist, zeigt zudem auf, wie stark der Wald mit seinen Naturgaben Bauweise und Einrichtung der Häuser sowie die Ernährung von Mensch und Tier beeinflusste.

Kalkbrennen
Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war gebrannter und gelöschter Kalk das wichtigste Bindemittel für die Herstellung von Kalkmörtel, Kalkputz und Kalkanstrich. Beim Kalkbrennen werden Kalksteine sorgfältig in den Kalkbrennofen geschichtet. Nach einer Aufheizphase von einem Tag wird der Ofen oben mit Lehm abgedeckt, um die Wärme zu halten. Danach werden die Steine innerhalb von drei Tagen auf etwa 1000 ºC erhitzt. Beginnt die oberste Lage zu glühen, muss das Feuer noch während rund 20 Stunden bei gleich bleibender Temperatur gehalten werden. Da die ausgekühlten Steine (der Brandkalk) im trockenen Zustand nicht lagerfähig sind, weil sie Feuchtigkeit aus der Luft aufnehmen und zerfallen, müssen sie «gelöscht» werden. Giesst man Wasser über den Brandkalk, lösen sich die Steine unter starker Hitzeentwicklung auf. Nach dem Löschen wird die «Teigmasse» in der Kalkgrube «eingesumpft» und dort für den weiteren Gebrauch gelagert.

Köhlern
In der Gewerbekammer demonstriert das Freilichtmuseum Ballenberg die Herstellung von Brunnentrögen und Schindeln sowie das Kalkbrennen. Am meisten Interesse findet jedoch zweifellos die Köhlerei. Jeweils im Juli wird im Museum Holzkohle produziert. Aus einem Ster Buchenholz lassen sich bis zu 100 Kilogramm Brennstoff gewinnen. Der Meiler wird kunstvoll rund um eine Füllstange aus Rundhölzern aufgeschichtet. Diese wiederum werden mit einer Buchenlaubschicht überzogen. Darüber kommt ein Mantel aus Erde und Kohleresten. Das Füllloch wird mit glühender Holzkohle beschickt und überträgt die Glut auf den Meiler. Die Verkohlung, die von oben nach unten erfolgt, kann durch Stechen oder Schliessen der Rauchlöcher im Mantel des Meilers gesteuert werden. Nach zehn bis 14 Tagen kontinuierlicher Überwachung ist das Holz verkohlt.

Harzbrennen
Harz ist seit jeher ein bedeutender und vielseitiger Roh- und Werkstoff: Der harzgetränkte glimmende Ast diente als Lichtquelle. Als Dichtungs- und Klebemasse war Harz ein begehrter Rohstoff im Schiffbau, in der Küferei oder im Schusterhandwerk.
Für die Gewinnung schichtet man stark harzhaltiges Holz auf den Gitterrost eines in den Boden eingetieften Sammelbeckens. Rings um eine darüber gestülpte Metallglocke wird ein Feuer entfacht, um mit der Hitze das Harz zu verflüssigen. Durch eine im Boden des Sammelbeckens angebrachte Öffnung fliesst die Masse in einen Auffangbehälter, wo sie auskühlt und erstarrt. Durch unterschiedlich abgestufte Flüssigkeits- und Abkühlungsgrade lassen sich verschiedene Produkte herstellen, so z.B. die in der Gerberei gebrauchte «Teergalle» oder das als Wagenschmiere geeignete «Kienöl». Das ausgesottene Holz weist ähnliche Eigenschaften auf wie Holzkohle.

Ländliches Handwerk
Nahezu alle Handwerksstätten des Schweizerischen Freilichtmuseums stammen aus dem 19. Jahrhundert. Aus dieser Epoche sind die einzelnen Techniken und Tätigkeiten auch gut dokumentiert. Immer wieder finden sich zudem Berufsleute, die ihre Traditionen bewahrt und gepflegt haben. Sie leisten der Wiederbelebung und Präsentation ihres Gewerbes in- und ausserhalb des Museums unschätzbare Dienste.
Grundsätzlich lässt sich für das 19. Jahrhundert eine Unterteilung in professionelle Gewerbe und im Nebenerwerb ausgeübte Handwerke beobachten. Gewerbe, die hauptberuflich ausgeübt wurden, verfügten über feste Einrichtungen und über typische Gebäude. Sie waren zumeist in Kleinstädten und Dörfern angesiedelt, wie beispielsweise Mühle, Schmiede und Wagnerei. Andere Berufe wie Schreiner, Schuhmacher oder Metzger wurden oft nebenberuflich von Bauern ausgeübt. Sie zogen als Störhandwerker mit ihrem Handwerkszeug von Hof zu Hof.
Handwerke stehen in Abhängigkeit zueinander und bilden Produktionsketten. Auf den Stördrescher folgt der Müller, auf den Müller der Bäcker. Die traditionelle Kleidung wird vom Weber, vom Färber, vom Gerber, vom Schneider und vom Schuhmacher bestimmt. Viele Berufe sind miteinander verwandt. Der Maurer schichtet nicht nur Steine auf, er bricht sie auch, und als Fassadengestalter bestimmt er die äussere Erscheinung der Häuser. Der Hafner ist Töpfer und Ofenbauer zugleich.
Im 19. Jahrhundert wurden eine Reihe von häuslichen Verrichtungen zu Handwerken. Alltägliche Arbeiten wurden professionalisiert. Deutlich wird dieser Wandel beim Bäcker-gewerbe, das sich erst nach 1820 ausserhalb der Städte durchsetzte. Vorher backten die Bauersfrauen ihr eigenes Brot.


Das Freilichtmuseum Ballenberg ist im Winterschlaf. >> mehr