Tessin | Wohnhäuser von Cugnasco TI (Mitte 18./19.Jh.)


Nr. 841
Die drei ineinander verschachtelten Wohnbauten von Cugnasco bieten eine interessante Kombination verschiedener Wohnformen und Raumstrukturen, die für den Steinbau im Tessin charakteristisch sind.

Der älteste Gebäudeteil wurde um 1740 erstellt und repräsentiert den einfachsten Typus des Turmhauses, bei dem ein Stockwerk aus jeweils nur einem Raum besteht: Über der ebenerdigen Küche mit offener Feuerstelle ist die Schlafkammer eingerichtet. Die zweite Bauetappe erfolgte bereits in den 1760er Jahren. An den «Wohnturm» wurde ein rechteckiges Gebäude mit einer Wohneinheit angefügt. Das dritte und jüngste Gebäude aus den 1850er Jahren ist ein für die Region typisches Doppelhaus. Über einem Gewölbekeller sind zwei Küchen mit je einer Feuerstelle mit Kaminschoss angelegt. Darüber befinden sich die dazugehörigen Schlafräume. Die Einrichtung der drei Wohnbauten folgt den Zeitstufen von 1750, 1850 und 1950.

Die Küchen im Doppelwohnhaus sind gute Beispiele für die im Tessin und im mediterranen Raum typischen Wohnküchen. Im Gegensatz zur übrigen Schweiz hatten die Häuser keine Stube. Das tägliche Leben spielte sich daher vor allem in der Küche ab, die zugleich meist der einzige heizbare Raum des Hauses war. In der cheminéeartigen Feuerstelle brannte oder glühte immer ein Feuer. Im Winter sass man gerne am Kamin. So auch vor dem Zu-Bett-Gehen, um die Füsse zu wärmen und zum Beten.

Das Dorf Cugnasco gehörte im 19. Jahrhundert zu den Gemeinden mit der grössten Auswanderungsquote. Oft lieh die Gemeinde Auswanderungswilligen Geld für die Reise. Im einem solchen Verzeichnis findet man auch die Namen der Hausbesitzer Giulieri.

Die Familie Giulieri wird schon im 18. Jahrhundert als Besitzerin des Grundstücks erwähnt. Sie besass zudem einige Ställe, Hofräume und Gemüsegärten. Carlo Giulieri (1809–1879), der Erbauer des Doppelwohnhauses, blieb nach dem frühen Tod seiner Frau Maria Teresa geb. Bravo (1807–1851) mit vier Knaben und vier Mädchen allein zurück. Die Söhne Giuseppe und Pietro heirateten Frauen aus dem Verzascatal und wanderten später ohne Familie nach Amerika aus.
1914 zog die Familie Pifferini als Untermieterin ins Haus und bewohnte es während 24 Jahren.
Mit zwölf Kindern entsprach der Lebensstandard demjenigen vieler anderer Tessiner Familien. In Armut und Bescheidenheit lebten sie vom Ertrag ihres Bodens, der Landwirtschaft, dem Rebbau und der Forstwirtschaft. Die Pifferinis besassen im Gebiet von Gudo ca. 3000 Quadratmeter Reben und eine kleine Scheune für das Werkzeug.
Im Haus ist eine Ausstellung über die Kastanienkultur eingerichtet. Die Edelkastanie (Castanea sativa) war früher im gesamten Alpenraum von grosser, in einigen Regionen sogar von existentieller Bedeutung. Über Jahrhunderte brachte die intensive Beziehung des Menschen zu dieser Baumart spezielle Lebens- und Wirtschaftsweisen hervor, sodass wir heute von einer eigentlichen «Kastanienkultur» sprechen können. Neben wohlschmeckenden, äusserst nahrhaften und gesunden Früchten liefert die Kastanie auch ein dauerhaftes, witterungsbeständiges Holz.
Traditionell wird die Kastanie in so genannten Selven bewirtschaftet, die gleichzeitig als Waldweiden dienen. Die auf dem Ballenberg angelegten Selven brauchen noch viel Zeit zum Wachsen. Zudem ist geplant, die Häusergruppe Cugnasco mit einem Dörrofen für Kastanien zu ergänzen.